Sonntag, 20. November 2016

Kopf gegen Körper

Oder: Meine Zeit nach dem Köln Marathon


Nach dem Köln Marathon gönne ich mir drei Wochen Regeneration. In der ersten Woche mache ich gar keinen Sport, in der zweiten Woche gehe ich ein bisschen aufs Rad und in der dritten Woche laufe ich so zwei bis drei Mal lockere 6 km. Und nach drei Wochen starte ich wieder mit dem "richtigen" Training, dem Grundlagentraining für die kommende Laufsaison. So war mein Plan. Denn wer mich kennt, weiß: Ich plane grundsätzlich ALLES. Immer.

Die Realität sah völlig anders aus und hat meinen Plan komplett über den Haufen geworfen...

In den ersten Tagen nach dem Köln Marathon hatte ich gar kein Bedürfnis, Sport zu treiben. Ich war überglücklich, ausgeglichen und mit mir selbst völlig im Reinen. Ich war so zufrieden, dass ich den Marathon genauso gelaufen bin, wie ich es mir vorher erträumt hatte (... okay, von der Problematik mit der GPS-Uhr mal abgesehen...). Zwei sehr konstante Rennhälften. Kein Mann mit dem Hammer und über die Wadenprobleme ab Km 32 konnte ich auch hinwegsehen. Irgendetwas muss bei einem Marathon schließlich auch weh tun und verglichen mit dem Rennen in Wien im Frühjahr 2014 hatte ich in Köln deutlich weniger muskuläre Probleme. All das Stabitraining hatte sich offensichtlich ausgezahlt. 

Als die muskulären Wehwechen nach einigen Tagen nachließen, kam mein Bedürfnis nach Planung zum Vorschein: Am Samstag, also sechs Tage, nach dem Rennen, wollte ich mal lockere 60 Minuten auf dem Indoor Rennrad absolvieren. Beine ausschütteln. Von "Beine ausschütteln" hab ich hier und da bei Läufern öfter schon gelesen. Das machen doch viele, die Beine auf dem Rad ausschütteln. Also plante ich das auch. 
Samstagmorgen, rauf aufs Rad - und: Der Körper wollte nicht. Muskulär ging es mir sogar wieder relativ gut. Nichts tat weh, das war gar nicht das Problem. Aber ich war total platt. Müde. Ich hab mich auf dem Rad gequält. Das lockere Beine ausschütteln hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber da ich es ja geplant hatte, wurde es durchgezogen. Denn der Kopf sehnte sich nach sportlicher Betätigung.

In den Folgetagen siegte die Vernunft: Okay, ich war auf dem Rad noch recht müde, ich hänge noch ein paar Tage Pause dran, aber in einigen Tagen kann ich dann bestimmt mal lockere 6 km laufen. 

Wenige Tage später dann der erste Lauf nach dem Marathon: Die ersten 2 km fühlten sich ganz gut an, der Körper war ausgeruht... Aber dann: Plötzlich begann das rechte Knie zu zwicken. Zunächst habe ich es ignoriert, aber auf den nächsten beiden Kilometern entwickelte sich das Zwicken zu einem Schmerz, den ich nicht mehr ignorieren konnte. Eine Mischung aus Verzweiflung (Bin ich verletzt?) und Vernunftsgedanke (Nein, das ist nur eine leichte Überlastung vom Marathon) überkam mich. Immerhin siegte die Vernunft und ich hab den Lauf abgebrochen. 

Da ich nicht nur alles plane, sondern auch für alles immer und ausnahmslos eine Ursache bzw. Begründung suche, wurde "Mr. Google" zu dem Thema Knieschmerzen befragt. Weitergeholfen hat mir das nicht. Es hätte alles sein können. 

Einige Tage später ein neuer Versuch und wieder zwickte das Knie nach einigen Kilometern. Wieder Abbruch. Das war der Moment, in dem ich mir eingestehen musste, dass mein Plan nicht ansatzweise funktioniert. Und ich musste mir die Frage stellen: Woher weiß ich eigentlich, dass ich nach einem Marathon nach genau drei Wochen wieder in mein Lauftraining einsteigen kann? Woher kommt die fixe Idee, drei Wochen Regeneration zu machen? Und was bedeutet eigentlich Regeneration? Was braucht mein Körper, um sich von einem Marathon zu erholen? Mein Regenerationsplan sah keine komplette dreiwöchige Sportpause vor, sondern bestand aus kleinen Rad- und Laufeinheiten. Warum eigentlich? Ich habe keine Ahnung. Drei Wochen erschienen mir irgendwie sinnvoll. Zudem kam es mir verdammt komisch vor, drei Wochen am Stück keinen Sport zu machen. Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt solange am Stück keinen Sport gemacht habe. Jetzt merkte ich: Mein Körper braucht eine Pause.

Vermutlich war es großes Glück, dass mich nach exakt drei Wochen erstmal eine Erkältung ausgebremst hat. So war nämlich etwa eine Woche lang an Laufen ohnehin nicht zu denken, selbst wenn der Kopf es gewollt hätte. Unmittelbar an die Erkältung schloss sich unser Tansania/Sansibar Urlaub an. Eine Woche Safari, in der ebenfalls kein Sport möglich war. 

Da ich mich kenne und genau wusste, dass mir in der zweiten Urlaubswoche im Strandhotel ohne Sport die Decke auf den Kopf fallen wird, habe ich meinen Aquajogging-Gürtel mitgenommen. Ich hasse Aquajogging! Genauso wie ich eigentlich auch Einheiten auf unserem Indoor Rennrad hasse. Sie können mir das Laufen nicht ersetzen. Kaum im Strandhotel angekommen, ging es daher auch erstmal auf das Laufband. Ein Testlauf. Mein Plan war, eine lockere 30 Minuten-Einheit zu absolvieren. Nach 20 Minuten vorsorglich Abbruch, weil das Knie sich wieder bemerkbar machte. Zwar keine wirklichen Schmerzen mehr, aber irgendwie noch ein Zwicken, ein Gefühl im Knie. Das war der Moment, in dem ich mir eingestehen musste, dass mein Körper einfach noch nicht wieder laufen kann. Von da an ging es daher jeden Tag 60 Minuten lang mit dem Aquajogging-Gürtel in den wunderbar großen Hotelpool. Aquajogging ist verdammt anstrengend, wenn man es richtig macht! Und um die Technik sauber auszuführen, muss man sich wahnsinnig konzentrieren. Unter den irritierten Blicken der anderen Hotelgäste absolvierte ich nun täglich meine Einheit Laufen im Wasser. Am Anfang fand ich es furchtbar. Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt, wie gut es mir tut.

Gegen Ende des Urlaubs probierte ich eine weitere Laufband-Einheit, dieses Mal jedoch für 20 Minuten eine Minute Laufen und eine Minute Gehen im Wechsel. Das klappte wunderbar. Einige Tage später waren dann auch 30 Minuten Laufen am Stück kein Problem. Jetzt liegen weitere - beschwerdefreie - Laufeinheiten hinter mir. Die Probleme in Knie sind wie weggeblasen. Etwas wirklich Ernstes kann es daher nicht gewesen sein. Vermutlich das Naheliegendste: die Überlastungsfolgen des Köln Marathons.

42,195 km steckt man eben nicht so einfach weg. Mein Körper hat mir nach dem Rennen ziemlich deutlich gezeigt, dass er meinem Kopf Grenzen setzt.

Ich bin mal wieder um eine Erfahrung reicher: Meinen Körper kann ich nicht planen.

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