... (Fast) geplatzt ?
Seit ich im Oktober 2012 in New York gewesen bin, träume ich vom New York Marathon. Durch die Straßen dieser gigantischen Stadt zu laufen und die Finish Line im Central Park zu überqueren, muss ein so unfassbar großartiger Moment sein! Ein Moment, den ich so gerne einmal erleben möchte!
In diesem Jahr sollte es so weit sein. Der Plan steht seit Ende des Jahres 2016: Ich möchte in diesem Jahr den New York City Marathon laufen (am liebsten unter 4 Stunden). Hinter diesem Traum steht ein noch größerer Wunsch: alle sechs Rennen der Marathon Majors Serie zu laufen. Das ist ein Riesen-Projekt und ob es Wirklichkeit werden kann, weiß ich nicht. Aber mit New York wollte ich anfangen.
Mein Laufjahr 2017 hatte ich daher akribisch geplant, um bestens vorbereitet zu sein und um vor allem das Schlimmste zu verhindern, was einem Läufer vor einem großen Rennen passieren kann: eine Verletzung.
Ich habe in der ersten Jahreshälfte ein super Grundlagentraining hingelegt, begleitet von wöchentlich akribisch durchgeführtem Kraft- und Stabitraining. Wir waren im März auf Teneriffa zum Trailrunning. Dort habe ich gigantisch gute Bergeinheiten absolvieren können. Ich habe mir immer wieder ausreichend Regeneration gegönnt, auch mal "Fünfe gerade" sein lassen, um meinem Körper Pause zu gönnen, wenn so viele andere Dinge auf dem Plan standen.
Ich habe im Juni angefangen, meinen Lauf am Wochenende im Kilometerumfang ein wenig zu steigern, um mich an die längeren Laufeinheiten der engeren 12-Wochen-Vorbereitung zu gewöhnen. Immer wieder gespickt von Regenerationswochen mit weniger Umfang. Ich habe alles richtig gemacht... dachte ich.
Alles lief nach Plan - bis zum 6. August: An diesem Tag stand eine Laufeinheit im Siebengebirge auf dem Plan. Ich werde diesen Tag nie vergessen! Irgendwann nach etwa 12km begann mein rechtes Knie zu zwicken. Zunächst ganz leicht. Und dann wurden die Beschwerden schlagartig mehr. Ich glaubte zunächst noch an ein muskuläres Problem, weil sich mein rechter Oberschenkel auch total verhärtete. Aber da hatte ich es wohl schon: das Läuferknie. Rückblickend betrachtet habe ich dann wohl den größten Fehler gemacht: Ich bin noch ein Stück weiter gelaufen, denn ich musste irgendwie zum Auto zurück.
Zuhause angekommen ging es dann eigentlich. Ich hatte nur bei bestimmten Bewegungen Schmerzen und dachte, das gibt sich schon wieder, wenn ich ein paar Tage pausiere. Weit gefehlt. Wenige Tage später kamen die Schmerzen bei einem Testlauf bereits nach 3 km und von da an ging es steil bergab. Ich hatte dauerhaft Schmerzen im gesamten Knie (rechts, links, oben, unten) und konnte kaum gehen.
Ein Besuch beim Arzt brachte die Diagnose: Läuferknie und Patellasehnen-Entzündung. Es folgten Stoßwellen-Therapie und natürlich Laufpause. Es verging in diesen Tagen kein Abend, an dem ich nicht geweint hab, weil ich mir zu diesem Zeitpunkt sicher war: Ich werde am 5.11. in NYC nicht am Start stehen! Mein Traum ist geplatzt. Und für die Perfektionistin Julia das Schlimmste überhaupt: Was habe ich falsch gemacht??!! Ich habe doch alles richtig gemacht! Keine klassischen Anfängerfehler, keine Überlastung, keine Fehlbelastung, keine falschen Schuhe... Ich hatte mit größeren Traininingsumfängen doch noch gar nicht begonnen. Was habe ich bloß falsch gemacht? Irgendwann musste ich mir eingestehen: Vielleicht nichts. Vielleicht hatte ich einfach nur Pech.
Irgendetwas in mir brachte mich dazu, ein Alternativ-Trainingsprogramm zu starten: Schwimmen, Aquajogging und Radfahren auf dem Indoor-Rennrad. Zum Glück bin ich in meiner Jugend eine gute Schwimmerin gewesen und so macht es mir tatsächlich keine Probleme, mal eben die Schwimm-Distanz des Ironman (3,8km) aus dem Stegreif herunterzureißen. Es folgten unzählige Einheiten im Freibad/Schwimmbad zwischen 2 und 4 km. Mit dem Radfahren habe ich mich deutlich schwerer getan. Am Anfang hat mich daran alles gestört: die Sitzposition, die Beinarbeit, die Zeit verging nicht und ich habe den Rhein so vermisst. Meine Lieblingslaufstrecken führen in Köln am Rhein über die Brücken und sie haben mir so gefehlt. Auf dem Indoor Bike gab es sie nicht. Und ein Rennrad zu kaufen, das war mir dann doch zu viel. Aber das Rad und ich, wir wurden irgendwie Freunde und ich schaffte es, mich an den Wochenenden zu langen Radeinheiten aufzuraffen.
Erstaunlicherweise brachten Dehnübungen und die Stoßwellentherapie eine rasche Besserung. Und als mir der Arzt ca. 4 Wochen nach dem Auftreten der Verletzung das "Lauf-Go!" gab, war ich euphorisch und zuversichtlich, dass es mit dem New York Marathon noch etwas werden würde. Ich schmiedete Pläne, wie ich meine Einheiten ab Mitte September aufbauen würde, plante Lauf-Rad-Kombi-Einheiten und war wieder happy. Der Plan, den New York Marathon "einfach" auf "Ankommen" zu laufen, war geboren.
Aber ich hatte die Rechnung ohne meinen Körper gemacht: Zwei erste, sehr kurze Testläufe mit wenigen Laufminuten verliefen noch schmerzfrei, beim dritten - ebenfalls kurzen - Testlauf kamen die Schmerzen zurück. Das gesamte Knie tat wieder so unfassbar weh. Ich habe tagelang nur geweint, aber nicht wegen der Schmerzen, sondern weil mir klar wurde: Das war es mit meinem Traum!
Das MRT brachte schließlich Gewissheit: Reizung am Tractus iliotibialis und Enzündung der Sehne am Wadenbeinköpfchen. Nicht ausgeheilt, zu früh wieder angefangen, wieder Laufpause, das Aus für New York...
Und all das vor unserem bevorstehenden Frankreich-Urlaub von Mitte bis Ende September, der eigentlich als Laufurlaub geplant war. Optimale Trainingsvorbereitung auf New York eben. Ich hatte ja alles akribisch geplant. Und jetzt war ich am Boden zerstört. Sätze von Freunden wie "Dann läufst Du den Marathon in New York eben im nächsten Jahr" oder "Dann gehst Du in New York eben shoppen" taten mir mehr weh, als dass sie mir halfen, obwohl sie ja eigentlich lieb gemeint waren. Das für mich Schlimmste aber war: Ich schaffte es einfach nicht, den New York Marathon gedanklich abzuschreiben! Es gelang mir einfach nicht.
Irgendetwas in mir ließ mich das Alternativtraining weitermachen - vielleicht Trotz, vielleicht Verzweiflung, vielleicht Kampfgeist.
Die Radiologin diagnostizierte mir "nur noch" eine Reizung. Vier Wochen vorher hätte das Ganze im MRT ihrer Erfahrung nach sicher viel schlimmer ausgesehen. An dieser Diagnose zog ich mich hoch. Nur eine Reizung: Vielleicht kann ich das Lauftraining im Oktober wieder aufnehmen, noch ein paar gute, wenn auch kurze Läufe machen und meinen Plan, New York auf "Ankommen" zu laufen, doch noch umsetzen.
Im Urlaub arbeitete ich akribisch an diesem Plan: Rad-Einheiten auf gemieteten Rädern, Stabi- und Kraftübungen und dehnen, dehnen, dehnen... Die Schmerzen im Knie wurden schnell besser. Was aber blieb und mich fast in den Wahnsinn trieb, war ein Instabilitäts- und Anspannungsgefühl im gesamten Knie/Oberschenkel. Kurze Spaziergänge waren nicht möglich. Ich hatte das Gefühl, sie tun dem Knie nicht gut. Also legte ich im Urlaub, so oft es geht, das Bein hoch und schonte mich (mit Ausnahme der Sporteinheiten).
Zusammenfassend lässt sich der Urlaub als eine einzige Berg- und Talfahrt beschreiben: Es gab Tage, an denen sich das Knie mehrfach am Tag mal besser und dann doch wieder schlechter anfühlte. Es gab Tage, an denen ich morgens aufgestanden bin und der Meinung war, eine Besserung zu verspüren, nur um am nächsten Morgen wieder in ein Loch zu fallen, weil das Knie sich wieder schlechter anfühlte. Es gab Tage, an denen die Rad-Einheiten gut liefen, dann wieder Tage, an denen sie schlecht liefen. Schmerzen hatte ich beim Alternativtraining nie und der Arzt hatte es mir auch ausdrücklich erlaubt. Trotzdem hatte ich mehrfach Zweifel, ob das Alternativtraining richtig ist und mir wirklich guttut oder ob eine komplette Pause nicht doch die bessere Alternative wäre. Eine komplette Pause hätte aber das Aus für den New York Marathon bedeutet.
Wenn mir Freunde WhatsApp-Nachrichten in den Urlaub schickten und fragten "Was macht das Knie heute?" wusste ich nie, was ich antworten sollte. Jeder Tag hätte eine immens lange Nachricht in Anspruch genommen, denn es ging jeden Tag mehrfach hoch und wieder hinunter.
Knapp drei Wochen später in Köln ließ ich mir Physiotherapie verschreiben, weil sich die Anspannung in Knie und Oberschenkel nicht löste. Mein rechtes Bein trieb mich in den Wahnsinn. Zugleich bekam ich vom Arzt erneut das "Lauf-Go!" ... und setzte es nicht um. Ich hatte einfach noch kein gutes Gefühl. Die ersten Physio-Einheiten waren gut und brachten Entlastung. Die Anspannung im Bein kehrte aber immer wieder zurück. Ich blieb bei meinem Alternativtraining.
Es sind noch 14 Tage bis zum New York Marathon...
Sofern ich keinen Rückfall erleide, steht mein Plan: Ich werde starten und schauen, was passiert. "Einfach" in ganz lockerem Tempo und ohne Zielzeit laufen. Ist das Wahnsinn oder machbar? Ich weiß es nicht. Mir fehlt die laufspezifische Vorbereitung, aber das Alternativtraining, das ich gerissen habe, hatte einen beträchtlichen Umfang. Und wenn ich in den letzten Tagen losgelaufen bin, hat es sich angefühlt, als sei ich nie weg gewesen.
Vielleicht werde ich bei Km 25 aufgeben müssen, vielleicht wird meine Muskulatur irgendwann zumachen, vielleicht wird mich der Besenwagen einholen, vielleicht werde ich den Central Park nicht erreichen und vorher aussteigen...
Vielleicht wird es aber auch klappen. Ich bin meine beiden Marathons bisher immer am Anschlag gelaufen. Ein Rennen in lockerem Dauerlauftempo wird für mich eine große Herausforderung werden.
Aber wie sagte kürzlich jemand zu mir: "Du suchst doch immer die Herausforderung. Meistens in einer neuen Bestzeit. Dann suche sie doch jetzt in dem Projekt 'Marathon mit minimaler Laufvorbereitung'. Dass Du einen Marathon unter 4 Stunden laufen kannst, weißt Du. Aber das hier ist doch eine Riesen-Herausforderung. Du solltest es versuchen."
Das stimmt, das sollte ich. Und das werde ich! ...
Das stimmt, das sollte ich. Und das werde ich! ...
...Und ich mache es mit dem Motto von Pippi Langstrumpf: "Das habe ich noch nie versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!" :-)
... Fortsetzung folgt ...
... Fortsetzung folgt ...









Liebe Julia,
AntwortenLöschenein beeindruckender Post, der deine Gefühlslage sehr gut wiederspiegelt. Ich bin der Meinung, dass du jeweils die richtigen Entscheidungen getroffen hast und ich wünsche Dir, dass dein Wunsch - NYCM2017 in Erfüllung geht und du die Ziellinie im Central Park erreichst! Grüße Frank Lebow (ehem. Renndirektor) von mir. Seine Statue wird jedes Jahr zur Ziellinie gebracht. Er war auch ein großer Kämpfer;-) Danach fängt es ja erst richtig an: Berlin, Boston, London, Chicago & Tokyo liegen noch auf deinen Weg zum ****** 6Star-Finisher ! Also - teile Dir deine Kräfte gut ein & viel Erfolg!!!! Ich drücke Dir die Daumen:-)
Das mache ich, vielen Dank! Ich werde mir die allergrößte Mühe geben, am Start zu stehen und das Rennen zu laufen! ... Wie der Kölner immer so schön sagt: Et hätt noch immer jut jejange...
LöschenHallo Julia,
AntwortenLöschendie Daumen sind auf jeden Fall gedrückt. Da hast Du dich ganz schon unter Druck gesetzt. Nachvollziehbar bei so einem großen Ziel.
Leider kann man in Bezug auf die Gesundheit nicht alles planen. Diese Erfahrung musst ich leider schon öfters machen. Trotzdem versuche ich stets positiv nach vorne zu schauen.
Ich persönlich habe mir angewöhnt nur noch zum Spaß zu laufen. Bestzeiten oder irgendwelche Vorgaben haben mir bisher immer nur geschadet. Der Spaß am Laufen ist zum eigentlichen Antrieb geworden. Das hat die Sache wesentlich vereinfacht. Schützt zwar auch nicht vor Verletzungen oder der einen oder anderen Dummheit, aber ich reagiere wesentlich gelassener als früher.
Wobei natürlich ein Lauf beim NY-Marathon schon eine herausragendes Ereignis wäre. Da macht man nicht jedes Jahr.
Ich drücke Dir auf jeden Fall ganz, ganz fest die Daumen und wünsche Dir einen grandiosen Lauf in New-York. Genieße es und laufe einfach locker durch diese grandiose Stadt!
Alles Gute!
Gerd
PS: Ich möchte einen tollen Bericht hier über das Finish lesen! ;-)
Lieber Gerd,
Löschenvielen Dank für Deine Worte, die mich sehr motiviert haben! Zum Spaß laufen ist in jedem Fall immer das Beste. Ja, leider kann man seinen Körper/seine Gesundheit nicht planen. Das ist der Sport, er lässt uns geniale Glücksmomente erleben und uns leider manchmal auch zu Boden fallen.
Ich schaue mal. Im Moment bin ich ganz optimistisch, dass ich in New York am Start stehen werde. Und dann werden wir sehen...
Viele Grüße
Julia
P.S.: Ich möchte auch liebend gern einen tollen Bericht über das Finish schreiben! ;-)
Etwas verrückt ist die ganze Sache schon, aber wäre ich angemeldet und alles wäre gebucht würd e ich auch starten!
AntwortenLöschenViel Spaß wünsche ich dir. Und übertreibe es nicht
Danke... Ja, verrückt... Aber ich würde es nicht versuchen, wenn ich mich nicht als fit einstufen würde. Und ich werde sehr langsam laufen. ... Und- ich schwöre - es nicht übertreiben!
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